Kreta beherbergt mehr endemische Arten als jede andere Mittelmeerinsel vergleichbarer Größe. Millionen von Jahren geografischer Isolation, verbunden mit einer Landschaft, die von Stränden auf Meereshöhe bis zu 2.456 Meter hohen Gipfeln reicht, haben Tiere hervorgebracht, die es nirgendwo sonst auf der Erde gibt. Dieser Leitfaden zeigt, was hier lebt, wo man es findet, und liefert die praktischen Informationen, die Sie für eine naturkundlich ausgerichtete Reise benötigen.
Die Kri-Kri: Kretas Wildziege
Die Kri-Kri-Ziege (Capra aegagrus cretica) ist Kretas bekanntestes endemisches Säugetier. Als Nachfahrin von Wildziegen, die in der Jungsteinzeit eingeführt wurden, hat sie sich im Laufe von Jahrtausenden zu einer eigenständigen Unterart entwickelt. Ausgewachsene Tiere erreichen eine Schulterhöhe von 70–80 cm. Männchen tragen nach hinten gebogene Hörner, die bis zu 120 cm lang werden. Beide Geschlechter haben ein rotbraunes Fell mit einem dunklen Rückenstreifen und helleren Flanken.
Die gesamte Wildpopulation wird auf 2.000–3.500 Tiere in drei isolierten Populationen geschätzt:
- Nationalpark Samaria-Schlucht und das Weiße Gebirge (Lefka Ori): die größte Festlandgruppe mit etwa 1.500–2.000 Tieren
- Insel Dia (Nisos Dia), 10 km nördlich von Heraklion: rund 200 Tiere auf einer geschützten Insel. Tagesboote legen im Sommer im Hafen von Heraklion ab, 20–25 € pro Person
- Insel Agii Pantes, nahe Agios Nikolaos: eine kleine geschützte Kolonie; das Anlegen ist nicht gestattet
Die Art ist durch das griechische Gesetz 1335/1983 und die EU-Habitatrichtlinie (Anhang II) vollständig geschützt. Die Jagd ist seit 1928 verboten. Der Nationalpark Samaria-Schlucht wurde 1962 hauptsächlich zum Schutz der Kri-Kri gegründet.
Beste Zeit zur Kri-Kri-Beobachtung: ganzjährig in der Morgen- und Abenddämmerung, wenn die Tiere von felsigen Höhen zum Grasen herabsteigen. Die Samaria-Schlucht ist von Anfang Mai bis Ende Oktober geöffnet (Eintritt: 5 €, 16 km einfache Strecke). Am zuverlässigsten sichtet man Tiere an den Felsenhängen oberhalb der Baumgrenze — nicht auf dem Schluchtboden. Das Omalos-Plateau auf 1.050 m Höhe und die umliegenden Bergrücken sind die besten Beobachtungsgebiete. Ein Fernglas ist unverzichtbar — ein 10x42-Modell ist der Standard für dieses Gelände.
Bartgeier: Europas seltenster Greifvogel
Der Bartgeier (Gypaetus barbatus), auf Griechisch gypaietos, gehört zu den beeindruckendsten Greifvögeln Europas. Mit einer Flügelspannweite von bis zu 2,8 Metern und einer Körperlänge von bis zu 125 cm übertrifft er den Steinadler an Größe. Ausgewachsene Tiere zeigen eine auffällige orangerote Unterseite — selbst gefärbt durch Baden in eisenhaltigem Schlamm — dunkle Flügel und den charakteristischen schwarzen Kinnbart, dem die Art ihren Namen verdankt.
Auf Kreta ist die Bartgeier-Population kritisch klein. Ornithologische Erhebungen beziffern die Brutpopulation auf 5–10 Paare, die ausschließlich im Weißen Gebirge (Lefka Ori) und im Psiloritis-Massiv (Mt. Ida, 2.456 m) vorkommen. Die Art ernährt sich fast ausschließlich von Knochen, die sie aus großer Höhe auf Felsen fallen lässt, um sie aufzubrechen — eine unter Vögeln einzigartige Jagdstrategie.