Die Lyra Kretas: Das Kerninstrument des Inselklangs
Kretische Musik baut auf ein einziges Instrument auf: die Lyra Kretas (κρητική λύρα), ein dreisaitiges Streichinstrument byzantinischen Ursprungs. Sie hat nichts mit der altgriechischen Leier gemein — birnenförmig, etwa 50 cm lang, wird sie aufrecht auf dem Knie gehalten und mit einem geharzten Bogen gespielt, der manchmal mit kleinen Glöckchen besetzt ist. Der Klang ist scharf, nasal und sofort wiedererkennbar.
Die Lyra wird fast immer von der Laouto begleitet, einer langhalsigen Laute für rhythmische und harmonische Unterstützung. Zusammen bilden sie den Kern eines Glenti — ein traditionelles kretisches Fest mit Musik, improvisiertem Gesang, Tanz und Raki, das bis zum Morgengrauen dauern kann.
Die Gesangsformen sind ebenso wichtig wie die Instrumente. Mantinades sind 15-silbige Reimpaare, die spontan improvisiert und oft als poetischer Wettkampf zwischen zwei Sängern ausgetauscht werden. Rizitika sind unbegleitete polyphone Gesänge aus den Weißen Bergen (Lefka Ori) im Westen Kretas, die traditionell von Männern bei Hochzeiten und Namenstagen gesungen werden. Die UNESCO hat die Rizitika 2009 als Teil des immateriellen Kulturerbes Griechenlands anerkannt.
Schlüsselfiguren im modernen kretischen Musikkanon: Nikos Xylouris (1936–1980), dessen Aufnahmen bis heute Maßstäbe setzen; sein Bruder Psarantonis (Antonis Xylouris), der noch immer auftritt; sowie Ross Daly, ein in Irland geborener Musiker, der sich in den 1970er Jahren bei Heraklion niederließ und zu einem der bedeutendsten Lyra-Spieler weltweit wurde. Dalys Labyrinth Musical Workshop im Dorf Houdetsi, 20 km südlich von Heraklion, bietet Sommerkurse und vereinzelte öffentliche Konzerte — Termine am besten direkt dort anfragen.
Traditioneller kretischer Tanz: Pentozali, Siganos und das Glenti
Traditioneller kretischer Tanz ist untrennbar mit der Musik verbunden — jeder Rhythmus bestimmt eine eigene Form. Der bekannteste ist der Pentozali (πεντοζάλης), ein schneller Fünfschritt-Reihentanz, bei dem der Vortänzer mit einem Taschentuch in der Hand spontan Sprünge und akrobatische Figuren einbaut. Er gilt als der Tanz der kretischen Identität schlechthin und wurde historisch vor Schlachten aufgeführt.
Weitere Formen, die man beim Glenti regelmäßig sieht:
- Siganos — ein langsamer, feierlicher Kreistanz, der traditionell ein Glenti eröffnet
- Sousta — ein lebhafter Paartanz mit federndem Rhythmus, häufig bei Hochzeiten
- Maleviziotis (Kastrinos Pidihtos) — ein schneller Springtanz aus der Region Heraklion
- Syrtos — ein ruhigerer Kreistanz, der in ganz Kreta und weiten Teilen der Ägäis verbreitet ist
Beim echten Glenti zahlt der Vortänzer (Protokhorevtis) am Kopf der Reihe dem Lyra-Spieler oft direkt, um bestimmte Stücke zu wünschen — ein Brauch, der als Trinkgeld für die Lyra bekannt ist. Das ist keine Aufführung für Besucher; es ist eine soziale Transaktion zwischen m